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Vegetarisch genießen

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Einleitung Rezepte
Artikel: Pionier für die Tiere Karibik The Making of ... Ernährung und Psyche Die Bombe ... Tischkultur Wenn man Fleisch isst, ...

The Making of ...

Die Karibik: Farbenfroh und schnelle Köstlichkeit

Da waren wir nun in der Karibik, genau genommen in der Dominikanischen Republik, in einem ehemaligen Fischerdorf namens "Boca Chica", mit gepackten Koffern voll verschiedener Kameras, Objektive, Laptop, Kabel, Aufladegeräte und allem, was für ein Foto-Shooting benötigt wird - natürlich alles eigens für den inselüblichen 100-Volt-Strom zugelassen -, um für "Vegetarisch genießen" karibische Gerichte in Bild und Text aufs Papier zu bringen.
Was uns jetzt noch fehlte, war eine Köchin und eine passende "Location" zum Fotografieren - also lediglich das Wichtigste für das Gelingen unseres Projektes. Das ist immer der spannendste Moment einer Foto-Reise: Wie geht es weiter? Da konnten wir nur auf hilfreiche Kräfte vertrauen und wachen Auges das Geschehen beobachten, damit uns nur ja kein wichtiger Hinweis entging, der uns dem Ziel näher bringen konnte. Wir hatten die Vorstellung, am Strand ein malerisches Häuschen mit einer dunkelhäutigen Dominikanerin zu finden, die gerne für ein Entgelt ihre Kochkünste zum Besten gibt. So liefen wir nun also schon zum dritten Mal den Strand entlang, ohne ein malerisches Häuschen gefunden zu haben, geschweige denn eine Dominikanerin, die für uns kochen wollte. Da entdeckten wir ein Restaurant mit deutscher Flagge: Vielleicht könnten wir dort Tipps einholen? Wir fragten nach dem Besitzer. Der am ganzen Oberkörper tätowierte Deutsche hätte uns gerne geholfen, doch er wusste niemanden. Das konnte doch nicht sein! Irgendwie musste es doch weitergehen. Wir fragten nochmals und blickten suchend zu den Gästen.
Da meldete sich plötzlich eine Frau und fragte, ob sie richtig gehört habe, dass wir eine Köchin suchen. Sie kenne einen Restaurantbesitzer, der vor kurzem geschlossen habe, und die Köchin sei jetzt arbeitslos. Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen, und prompt händigte sie uns dann die Telefonnummer und Adresse des Wirtes aus, der zugleich Bäckermeister war. Wir standen bald vor seiner Bäckerei und schauten vielen Einheimischen in ihre weißfunkelnden Augen. Ob es Kunden waren, die auf ihr Brot warteten, oder Mitglieder der Belegschaft, die sich zwischendurch von der Arbeit ausruhten, konnten wir nicht feststellen.

Als wir nach dem Besitzer fragten, zückte eine Dominikanerin mittleren Alters ihr Handy, meldete uns bei ihrem Chef an, der, wie wir später feststellten, auch ihr Ehemann war, und erklärte uns dann auf Spanisch, wie wir am schnellsten in die Villa des Besitzers gelangen konnten. Sie sah unseren Gesichtern an, dass wir nicht alles verstanden hatten, packte kurzerhand ihre Sachen und lief uns voran. Als wir in der Villa ankamen, war der Bäckermeister, ein Schweizer, gerade beim Renovieren. Er hörte uns an und bestätigte dann, dass das stimme mit seiner Köchin, dass sie aber wohl nicht die Richtige sei für die besondere Herausforderung, vegetarische Gerichte zu kochen. Schade, dachten wir. War nun alles umsonst? Müssen wir mit der Sucherei wieder von vorne beginnen?
Aber er überlegte noch eine Weile und strich sich übers Kinn. "Ich habe da eine andere Idee - wartet einen kleinen Moment." Er verschwand im Haus und kam bald wieder zurück. "Also, meine Frau - ihr habt sie ja schon kennen gelernt - ist Dominikanerin und hat früher auch in unserem Restaurant gekocht. Sie würde es gerne machen. Sie möchte nämlich bald einmal in die Schweiz fliegen und ist froh, wenn sich eine Gelegenheit bietet, etwas zu verdienen", fügte er leise hinzu. Also haben wir sie doch gefunden, die Dominikanerin, die gerne durch Kochen ihre Haushaltskasse aufbessern möchte.
Wir gingen ins Haus und sahen, dass Aurora, seine Frau, bereits fleißig Kochbücher sortierte. "Todo sin carne, sin leche, sin queso?", fragte sie uns mit großen, ungläubigen Augen. Wir bestätigten, dass alles ohne Fleisch, Milch und Käse gekocht werden solle. Da schaute sie uns an und fragte unvermittelt: "Seid ihr bereit, können wir gehen?" "Wohin?", erwiderten wir überrascht. "Wir müssen doch zusammen auf dem Markt einkaufen. Mein Mann sagte, ihr wollt das auch fotografieren. Da müssen wir nach Santo Domingo, die Hauptstadt, fahren, das sind 30 km. Wollt ihr mitkommen?" Und ob wir wollten. Wir waren ja erst angekommen und kannten das Land überhaupt noch nicht. So kam uns diese "Spritztour" gerade recht. Zudem war der ganze Tag schon ein einziges Abenteuer gewesen; alle fünf Minuten gab es neue Situationen, da wollten wir uns doch vor neuen Überraschungen nicht verschließen...
Die Straßen in der Hauptstadt waren miserabel. Eines der vielen Schlaglöcher war so groß und so tief, dass ein Kleinwagen darin fast hätte verschwinden können. Gekonnt und erfahren kurvte Aurora um die Löcher herum. Auf dem Markt war ein unglaublich lautes und hektisches Treiben, da die Autos und Lastwagen haarscharf an den Marktständen und den davor stehenden Menschen vorbeirasten - unter lautem Schimpfen und Schreien der sich aus den Fenstern herauslehnenden Fahrer. Das Angebot war vielfältig. Von abstoßenden Fleischmassen, die ungekühlt auf Tischen lagen oder von Schnüren herabhingen, bis hin zu den malerischen, farbenfrohen Fruchtwagen, auf denen eine Vielzahl der herrlichsten Obstsorten kunstvoll aufgebaut war, und den Ananas-Verkäufern, die ihre sonnengereiften Früchte gekonnt schälten und sie so für den sofortigen Verzehr aufbereiteten.
Aurora verhandelte geschickt und flink wechselte sie die Verkaufswagen, wenn das Angebot nicht ihren Wünschen entsprach. Es wurden immer mehr Tüten und jeder versuchte, so viel wie möglich zu schleppen. Zudem musste man auf die eigene Geldbörse und alles Wertvolle wie Handy oder Schmuck sehr Acht geben, denn bereits in den ersten Minuten wurden wir Zeugen eines kleinen Raubüberfalles: Uli wurde vor unseren Augen ihre Kette vom Hals gerissen - hier, wo Arm und Reich so krass aufeinander treffen, keine Ungewöhnlichkeit. Aurora zeigte uns noch einige wichtige Straßen und das Denkmal von Duarte, dem Staatsgründer. Sie hielt auch bei verschiedenen Shops, in denen wir noch einige Accessoires für die Fotoaufnahmen besorgen konnten. Sie verdrehte fast bei jedem Kauf gewaltig die Augen, voll Unverständnis dafür, welche überteuerten Preise wir Gringos doch zu bezahlen gewillt waren - wir hingegen waren meistens überzeugt, ein besonderes Schnäppchen erstanden zu haben...

Als wir am Abend wieder im Hotel eintrafen, waren wir dankbar für den ersten Tag, an dem bereits so vieles geschehen war, von dem wir am Morgen nicht zu träumen gewagt hätten. An den folgenden Tagen bestellte uns Aurora jeweils für 10 Uhr in ihr Haus. Uns fehlten jedoch noch einige wichtige Accessoires. Deshalb liefen wir am anderen Morgen bereits um 7 Uhr den Strand entlang, um irgendwo weggeworfene, mit dem typischen Türkis bemalte Bretter zu finden, die als Unterlage für die Gerichte dienen sollten - leider ohne Erfolg. Als wir schon aufgeben wollten, trafen wir Almando. Es war wieder einmal Uli, die den richtigen Riecher hatte. Almando strich bereits morgens um 7 Uhr, etwa 1 km von unserem Hotel entfernt, seine Strand-Tische und -Bänke neu an - genau in der Farbe, die wir suchten.
Es war, als ob er auf uns gewartet hätte. Er hatte absolut nichts dagegen, dass wir eine seiner älteren Bänke demontierten, um an einige Bretter zu gelangen. Er half uns sogar, die Nägel zu entfernen, und gab den Brettern eine kleine Restauration, da er ohnehin den Pinsel mit der türkisen Farbe gerade in der Hand hatte. Auf dem Rückweg fanden wir noch abgeknickte Bananen- und Palmblätter - genau, was wir noch brauchten. Jetzt waren wir bereit. Punkt 10 Uhr trafen wir bei Aurora ein, die bereits mit einer Freundin angefangen hatte, Gemüse zu schnippeln. Angelika begann sofort, alle wichtigen Handgriffe der Köchinnen zu fotografieren, während Uli nochmals ums Haus lief, um einige Blumen für die Dekoration zu finden, und ich auf der Terrasse einen Tisch für die Fotos der fertigen Gerichte vorbereitete.
Wir kamen mit dem Fotografieren kaum nach, so schnell waren die zwei Köchinnen. Zuerst brachten sie uns eine kleine Gemüsesuppe und dann eine Kürbissuppe. Im ersten Moment waren wir ein wenig enttäuscht - wir wollten doch karibische Spezialitäten fotografieren! "Das ist typisch karibisch", stellte Aurora selbstbewusst fest, und an dieser Feststellung war nicht zu rütteln. Gemüsesuppen gibt es eben auch in anderen Teilen dieser Erde. Die "karibische Gemüsesuppe" schmeckte übrigens vorzüglich. Da wir Aurora nicht durch unnötige Kritik aus ihrem Konzept bringen wollten, ließen wir sie mit ihren Kochkünsten fortfahren. Es hat sich gelohnt. Nach und nach kamen immer mehr uns unbekannte Gerichte auf den Tisch, die dazu außergewöhnlich köstlich schmeckten. Als wir am Ende in die Küche gingen, um uns an den fotografierten Speisen zu laben, war schon vieles aufgegessen worden: von den Handwerkern, die im Hause unterwegs waren, und auch von ihrem Mann, für den Aurora heute nicht extra kochte. Nachdem dieser all die vegetarischen Leckerbissen probiert hatte, sagte er wie zu sich selbst: "Warum kocht sie mir nie so etwas Gutes?"
Es besteht also noch Hoffnung für eine vegetarische Karibik…