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Vegetarisch genießen

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Einleitung Rezepte
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Pionier für die Tiere

Helmut F. Kaplan, Philosoph und Autor, geboren 1952, Studium der Philosophie und der Psychologie
(Mag. phil., Dr. phil.), zählt zu den Pionieren der Tierrechtsbewegung.
Seine Bücher haben wesentlich dazu beigetragen, die Philosophie der Tierrechtsbewegung im deutschsprachigen Raum bekanntzumachen.
Darüber hinaus hat Kaplan durch zahllose Zeitschriftenartikel die Sensibilität für tierethische Fragen und Probleme nachhaltig erhöht.
Sein bei Rowohlt erschienenes Buch "Leichenschmaus - Ethische Gründe für eine vegetarische Ernährung" - gilt inzwischen als Klassiker.

Veg: Hr. Kaplan, am 7. April hat der deutsche Bundesrat beschlossen, dass die Hühner auch in Zukunft in Käfigen ihr Leben fristen müssen. In der Schweiz ist diese brutale Hühnerhaltung bereits seit 1992 verboten. Haben deutsche Politiker kein Herz für Tiere?

Helmut Kaplan: Der amerikanische Präsident Bush sen. liebte es, Vögel vom Himmel zu schießen, seinem Nachfolger Clinton macht das, soviel ich weiß, auch großen Spaß, der heutige US-Vizepräsident Cheney schoss während einer Jagd auf Wachteln daneben und direkt auf seinen Freund und vom ehemaligen russischen Premierminister Tschernomyrdin ist zu lesen (Der Spiegel, 22, 1999):
"Zu den Jägern, die sich mit Wagenkolonne und schwerbewaffneter Begleitung bei einer Winterhöhle vorfahren ließen, gehörte auch Rußlands Ex-Premier Wiktor Tschernomyrdin: Um die Bärenfamilie aufzuwecken, stachen Helfer mit Stangen in die Höhle, bis zunächst die Jungtiere, dann die Mutter ins Freie taumelten. Weidwerker Tschernomyrdin schoß einem der Jungen aus zwei Meter Entfernung eine Kugel in den Schädel."
Wundert es eigentlich wirklich jemanden, wenn solchen Politikern auch Menschenleben nicht viel wert sind? Wären alle Politiker Vegetarier, wäre die Welt gewiss viel friedlicher. Oder, um es mit Leo Tolstoi zu sagen: Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.
Keine vorzeitige Freude über voreilige Schlüsse, liebe Fleischesser! Ich weiß schon: Ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Leider.
Es gibt auch fleischessende Politiker, deren Wirken segensreich ist. Und Vegetarier, zumal "fanatische", an den Hebeln der Macht wären keineswegs Garanten für eine friedliche Welt. Sie könnten, zum Beispiel, auf die Idee kommen, möglichst viele Menschen umzubringen, damit es den Tieren besser geht (was rein rational gesehen gewiss richtig wäre). Schließlich soll auch Hitler Vegetarier gewesen sein.
Fanatiker hin, Hitler her: Wären alle Politiker ethisch motivierte Vegetarier (also Vegetarier um der Verhinderung von Tierleid willen und und nicht um der eigenen Gesundheit willen), wäre die Welt wirklich wesentlich besser - besser als sie es heute ist, wo die allermeisten Politiker Fleischesser und sehr viele obendrein auch noch "passionierte" Jäger sind. Gleichgültigkeit und Grausamkeit gegenüber Tieren bleiben nicht ohne Folgen für den Umgang mit Menschen.
Beweisen lässt sich das freilich nicht. Jedenfalls nicht hier und jetzt. Aber es sprechen gute Gründe für diese Position. Gründe, die auch Fleischesser für richtig halten: Angenommen, jemand müsste sich entscheiden, sein Leben entweder einem fleischessenden Jäger oder einem ethisch motivierten Vegetarier anzuvertrauen. Für wen würde er sich wohl entscheiden?

Veg: In den letzten Jahren nehmen Tierseuchen zu. Der letzte Fall ist die Vogelgrippe. Was bewegt Sie dabei am meisten?

Helmut Kaplan: Dass es zwischen Vogelgrippe und allen anderen Tier-Seuchen und Fleischessen einen wichtigen Zusammenhang gibt, liegt auf der Hand: Würden die Tiere nicht gegessen, wären die meisten gar nicht auf der Welt (Intensive Zucht und Ghetto-Haltung). Mir geht es hier aber um einen anderen Zusammenhang: Mich erstaunt immer wieder die unglaubliche Gleichgültigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der in den Medien über die brutale Behandlung der (vielleicht) infizierten Vögel berichtet wird. Und zwar ausnahmslos, ich habe noch NIE eine Meldung gehört oder gelesen, in der das Leiden dieser Tiere auch nur ERWÄHNT worden wäre.
Da werden Millionen von leidensfähigen Wesen auf unvorstellbar grauenhafte Weise erschlagen, erstickt und vergast und darüber wird berichtet, als ginge es um das Anstreichen von Häusern oder um das Betonieren von Straßen!
Woher kommt diese zynische Sachlichkeit? Wie ist diese barbarische Objektivität möglich? Darauf gibt es eine einzige Antwort: Weil die Tiere sowieso nur zum Umbringen gezüchtet werden! Folgerichtig bedeutet die bloße Vorverlegung des Umbringens für die Tiere keine dramatische Veränderung. Und folgerichtig gilt das Bedauern allein den Menschen, die durch das vorgezogene Umbringen wirtschaftlichen Schaden erleiden.
So weit so furchtbar. Aber was zeigt dies darüber hinaus? Die Definition von Tieren als Wesen, die zum Aufgegessenwerden da sind, bringt diesen Wesen nicht nur den Tod, sondern erzeugt auch eine Gleichgültigkeit gegenüber ihrem Leben. Und diese Haltung betrifft grundsätzlich ALLE "Nutztiere" - sowie tendenziell überhaupt alle Tiere:
Wenn es völlig "normal", selbstverständlich und unbedenklich ist, bestimmte Tiere, leidensfähige Wesen, umzubringen und aufzuessen, dann können alle Tiere für vergleichbar triviale Zwecke missbraucht werden: zum Begaffen in Zoos, zum Tragen ihres Pelzes, zum "Spaß" beim Jagen usw. Solange wir irgendwelche Tiere essen, werden wir alle Tiere ausbeuten.

Veg: Zu Weihnachten aß der Papst einen Kapaun. Zu Ostern wahrscheinlich ein kleines Lämmchen. Was sagen Sie dazu?

Helmut Kaplan: Mich erstaunt immer wieder, wie wenig die meisten Christen ihren eigenen Glauben ernst nehmen. Denn es gibt doch viele Gesichtspunkte der christlichen Lehre, die eindeutig gegen Tierausbeutung im Allgemeinen und Fleischessen im Besonderen sprechen. Etwa das Gebot der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Es ist offenkundig weder barmherzig noch gerecht, Tiere um eines kurzen Gaumenkitzels willen lebenslang einzusperren, massiv zu quälen und barbarisch umzubringen.
Ein weiterer Aspekt, der konsequenterweise zu einem liebevollen Umgang mit Tieren führen müsste, ist, dass auch Tiere Geschöpfe Gottes sind. Darf man Geschöpfe Gottes so behandlen? Der wichtigste Punkt ist aber vielleicht der Folgende: Im Paradies lebten Menschen und Tiere friedlich miteinander, da gab es kein Fressen und Gefressenwerden. Und dieser paradiesische Zustand, die Zeit vor dem Sündenfall, beinhaltet ja wohl eine moralische Vorgabe: So sollte es sein.

Zwar können wir heute nicht verhindern, dass sich Tiere gegenseitig fressen. Was wir aber sehr wohl verhindern könnten, ist, dass wir Tiere essen! INSOFERN steht dem Christen die Wiederherstellung paradiesischer Zustände offen!

Und warum ausgerechnet gegenüber Tieren uns gemäß dem Alles-oder-nichts-Prinzip darauf hinausreden, dass wir halt leider aus dem Paradies vertrieben worden seien und paradiesische Zustände daher nicht mehr möglich seien - während wir gegenüber Menschen ganz pragmatisch versuchen, uns dem Ideal soweit wie möglich anzunähern? Kein Mensch käme auf die Idee, den verpflichtenden Charakter der Zehn Gebote dadurch auszuhebeln, dass er sagt: Weil es unmöglich ist, sie ganz einzuhalten, brauchen wir uns erst überhaupt nicht um ihre Einhaltung zu bemühen!
Nein, wir sagen: Wenn diese Regeln auch niemand hundertprozentig einhalten kann, so sollten wir uns dennoch an ihnen orientieren und uns bemühen, sie soweit wie möglich einzuhalten. Je mehr, desto besser! Und genau das gleiche gilt selbstverständlich für den Umgang mit Tieren. Die Unmöglichkeit, das Paradies wieder zu errichten, entbindet nicht von der Pflicht, das Böse zu bekämpfen und das Gute soweit wie möglich zu verwirklichen.

Veg: Man liest immer wieder von Familiendramen, bei denen der Mann Frau und Kinder erschießt. Auffallend oft werden dafür Jagdwaffen benützt. Sind Jäger gefährlich?

Helmut Kaplan: Die Jagd ist eine grauenhafte, verlogene und überflüssige Angelegenheit. Dank der unermüdlichen Aufklärungsarbeit der Tierrechtsbewegung wissen oder ahnen das die meisten Menschen auch schon. Deshalb hat die Jagd, von historisch besonders belasteten Kreisen (wie etwa dem Adel) abgesehen, heute auch einen miserablen Ruf. Insbesondere bei der Jugend. Man kann also davon ausgehen, dass sich das Problem Jagd in zivilisierten Gesellschaften über kurz oder lang von selber erledigen wird - so wie der Stierkampf verboten werden wird und so wie Folter und Todesstrafe bereits abgeschafft worden sind.
Dennoch gibt es - neben den dauernden Jagdmassakern an Tieren - eine Problematik, der wir sofort Aufmerksamkeit schenken sollten: Wissenschaftliche Studien lassen keinerlei Zweifel mehr darüber zu, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegenüber Tieren und der Gewalt gegenüber Menschen gibt. Für einen diesbezüglichen Überblick siehe etwa die Dissertation "Zum psychologischen Zusammenhang zwischen der Gewalt gegenüber Tieren und der Gewalt gegenüber Menschen", Universität Klagenfurt, 2003.
Nun wird wohl niemand ernsthaft bestreiten wollen, dass es bei der Jagd um Gewalt gegenüber Tieren geht. Das heißt aber nichts anderes, als dass wir davon ausgehen müssen, dass allein in Deutschland über 380.000 gemeingefährliche Menschen frei herumlaufen. So viele Jäger gibt es hier nämlich. (Natürlich gibt es noch andere gefährliche Zeitgenossen, aber der "Vorteil" der Jäger besteht darin, daß sie leicht identifizierbar sind.) Sicher: Es ist denkbar, dass die systematische, quasi berufsbedingte Verlogenheit der Jäger (die Behauptung, dass sie nicht aus Mordlust töteten, die Bezeichnung von Blut als "Schweiß" usw.) einen gewissen psychologischen Schutz gegen das Überspringen der Gewalt auf Menschen bietet. Aber es wäre unverantwortlich sich auf diese vage Vermutung zu verlassen. Bis zum Beweis des Gegenteils müssen alle Jäger als potentielle gefährliche Gewalttäter betrachtet werden.

Veg: Jäger sagen, die Jagd sei eine ökologische Notwendigkeit. Was sagen Sie dazu?

Helmut Kaplan: Über allem verlogenen Gerede über die angebliche ökologische Notwendigkeit der Jagd (ginge es uns wirklich um die Umwelt, müßten wir ganz woanders ansetzen, z. B. beim Autoverkehr!) sollten wir eines nicht vergessen: Die Jagd bedeutet einen ununterbrochenen, unbeschreiblichen Terror gegenüber Tieren. Nach einem solchen feigen Anschlag auf Unschuldige und Wehrlose herrscht im Wald das blanke Entsetzen und die pure Panik: Kinder suchen verzweifelt ihre Eltern, Eltern suchen verzweifelt ihre Kinder und ein Ende des Massakers ist nicht abzusehen. Haben sich die Jäger erst einmal in ihren Blutrausch hineingesteigert, kennt das Morden keine Grenzen mehr.
Es ist schwierig, für diesen einzigartigen Terror gegen Tiere einen einigermaßen angemessenen Vergleich zu finden. Ich versuche es dennoch: Ein friedlicher Ostersonntag, die Menschen gehen in die Natur hinaus, man unterhält sich, die Kinder spielen und alle freuen sich über das herrliche Wetter. Und urplötzlich springt ein Terrortrupp aus dem Hinterhalt und richtet ein grauenhaftes Blutbad an.
Dieser Vergleich hinkt freilich gewaltig: Für Menschen sind solche Überfälle die extreme Ausnahme, für Tiere sind sie die schreckliche Regel. Und bei Menschen kommt nach einem solchen Überfall die Rettung, um die Verletzten zu versorgen. Bei Tieren kehren die Mörder zurück, um die Überlebenden zu erschießen.

Veg: Herr Kaplan, vielen Dank für das Gespräch

Literaturhinweise:
Tiere haben Rechte. Argumente und Zitate von A – Z von Helmut F. Kaplan - Harald Fischer Verlag (1998)
Tierrechte. Die Philosophie einer Befreiungsbewegung von Helmut F. Kaplan - Echo-Verlag (Januar 2000)
Wozu Ethik? von Helmut F. Kaplan - Asku-Presse (2001)
Die Ethische Weltformel. Eine Moral für Menschen und Tiere von Helmut F Kaplan - Vegi-Verlag, Olten (März 2003)
www.tierrechte-kaplan.org