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Vegetarisch genießen

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Einleitung Rezepte
Artikel: Pionier für die Tiere Karibik The Making of ... Ernährung und Psyche Die Bombe ... Tischkultur Wenn man Fleisch isst, ...

Karibik

Was in keinem Reiseführer steht

"Hier sind sie alle Fleischfresser", sagt Erika Cigua. Sie ist eine blonde Deutsche, die bereits seit 11 Jahren in der Dominikanischen Republik lebt und in der Duarte (Hauptstraße) des ehemaligen Fischerdorfes Boca Chica ein 'Reisebüro' betreibt. Eigentlich ist es ja nur ein 3 x 2 Meter großer Stand mit einem Brett an der Vorderseite, das tagsüber aufgeklappt wird. Dahinter sitzt Erika auf ihrem Barhocker und erlebt hautnah das Geschehen um sie herum.

Etwas gelangweilt schaut sie dem bunten Treiben zu, das sich täglich vor ihren Augen abspielt, und organisiert Touren für Touristen. Sie ist ortsbekannt, und ihre Dienste sind begehrt und geschätzt. Das dominikanische Volk kennt sie nicht nur vom Zuschauen - sie ist auch mit einem Dominikaner verheiratet.
"Hier essen alle gerne Fisch und Hühnchen. Rindfleisch und Schweinefleisch nicht so sehr, aber Fisch und Hühnchen essen sie hier täglich - und Spaghetti! Fast nirgends werden vegetarische Menüs angeboten - außer in einigen wenigen Restaurants in der Hauptstadt Santo Domingo." "Das haben wir auch erlebt", bestätigen wir. "Als wir eines Tages eine vegetarische Paella bestellten - im teuersten und exklusivsten Restaurant am Platze - wurden wir vom Chefkoch eines Besseren belehrt: "Natürlich koche ich Ihnen Reis mit Gemüse", räumte er höflich in gepflegtem Englisch ein, fügte aber dann abschätzig hinzu: "Das ist aber dann keine Paella, sondern einfach nur noch Reis und Gemüse."
"Natürlich isst man hier auch viel Salat", fährt Erika fort, "aber nicht ganz ohne Fleisch. Zumindest ein wenig Fisch muss sein. Die Dominikaner gehen auch fast nie in Restaurants, sondern in eines der vielen ´Colmados` - kleine Küchen am Straßenrand - und essen Reis mit Fisch und Hühnchen. Dominikaner können es sich im Allgemeinen nicht leisten, in ein Restaurant zu gehen. Die 30 Prozent, die in sonnigen Apartments wohnen, sind dort Gäste, nicht aber die vielen Menschen, die monatlich nur 4000-5000 Pesos verdienen (ca. 100-130 Euro). Sie können ja nicht für 1000 Pesos essen gehen."
Was alles im Lande angebaut wird, wollen wir wissen. "Es ist eines der wenigen Länder, das sich absolut selbst ernähren kann, denn es ist sehr fruchtbar", klärt Erika uns auf. Vor allem im Hinterland könne man große Plantagen besuchen. Neben dem Hauptanbauprodukt Zuckerrohr werden Bananen, Kaffee, Kakao, Tabak und Sisalpalmen angebaut. Die meisten Bio-Bananen kommen aus der Dominikanischen Republik. "Der Landbau hier ist sehr vielfältig; so werden z.B. auch die längliche schwarze Yams-Wurzel, die rötliche Süßkartoffel und natürlich auch die uns bekannten Kartoffel-Arten angepflanzt. Das Schwergewicht liegt auf dem Gemüse: von Blau- und Weißkraut bis zu Tomate und Paprika - einfach alles..."
"Uns ist aufgefallen, dass es hier sehr viele Kinder gibt", bemerken wir. "Das ist so", bestätigt Erika. "Überall gibt es junge Mütter mit vielen Kindern - oft von verschiedenen Vätern." "Ist das hier eine Art Volkssport, dass die Männer, wenn sie Väter geworden sind, ihre Familien verlassen?", wollen wir wissen.
"Nein", erwidert Erika entschieden und fährt fort: "Aber ein großer Prozentsatz der Bevölkerung - das hört man hier nicht gerne - lebt unterhalb der Armutsgrenze. Es gibt hier viele Großfamilien; ihre Mitglieder pflegen nicht etwa deshalb einen so engen Kontakt, weil sie einander lieben und deshalb glücklich sind, sondern weil nur zwei oder drei dieser Familienmitglieder arbeiten gehen und die ganze Sippschaft sich davon ernährt. Wenn ein Mann hier heiratet, ist es selbstverständlich, dass er von seinem Geld nicht nur seine Frau, sondern vor allem deren Sippschaft miternährt. Diese Belastung führt natürlich immer wieder zu Spannungen und Streit innerhalb der Familie, und nicht selten sucht der Mann, wenn es ihm zu bunt wird, das Weite." "Diese ‚Ich-hau-ab'-Mentalität scheint hier im Lande unter den Männern sehr verbreitet zu sein", werfen wir ein. Doch Erika will die Ursache nicht allein bei den Männern sehen. "Man muss gerechterweise auch die andere Seite sehen: Die Frauen hier haben eine eigene Mentalität; das Arbeiten haben sie nicht gerade erfunden. Sie wollen zu Hause bleiben, sich um den Haushalt kümmern und finanziell unterhalten werden. Ein Mann, der diesem Anspruch nicht gerecht wird, ist kein Mann. Kein Wunder, dass so viele abhauen und die Frau mit all ihren Kindern sitzen lassen. In diesem Fall wird die Frau auf ihre Art aktiv: Sie sucht sich dann einfach einen anderen - und dann kommt das nächste Kind. So ist das hier." Erika ist nun richtig in Fahrt gekommen, und etwas aufgebracht fügt sie hinzu: "Die Kinder werden ohnehin ins ‚Campo' abgestellt, zu der Oma und Tante auf dem Lande. Meistens sind sie schon nach dem Laufen-Lernen auf sich allein gestellt. Was denken Sie denn, woher all die herumziehenden Kinder am Strand kommen? Ich habe das Gefühl, vielen Menschen hier ist das Wort ‚Verantwortung' ein Fremdwort - es fehlen ihnen einfach 500 Jahre Weltgeschichte."
Erika holt kurz Luft und fährt dann, ihrem Unmut Ausdruck verleihend, fort: "Und dann kam auf einmal dieser Touristenrummel - er wurde ihnen einfach hingeschmissen. Sie können die vielen Fremden doch gar nicht verstehen - von ihrer Schulbildung her nicht und von ihrer Erziehung und Mentalität her auch nicht. Wenn man hier mit einem Lehrer spricht, zeigt sich, dass diese ja selber nichts wissen. Fragen Sie doch einen, wo Berlin oder Zürich liegt - keiner kann Ihnen das beantworten. In Deutschland z.B. weiß jeder Zweite der dritten Klasse, wo Santo Domingo liegt. Die Schule hier ist einfach eine Beschäftigung. Da drüben z.B." - sie weist mit der Hand auf das Schulgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite - "steht die 'Escuela laboral'; da lernt man, wie man Frauen Lockenwickler dreht und die Nägel lackiert. Das spielt ja hier die größte Rolle.
Die Dominikaner reden nicht gerne mit Fremden über ihr Land, denn die Wahrheit ist, dass etwa 70 Prozent der Bevölkerung in Armut lebt und sich auch keine gute Schule leisten kann. Die normale Schule ist kostenlos, aber die Schulen, die unseren Hauptschulen entsprechen und hier als Gymnasien bezeichnet werden, kosten viel Geld. Das sind nun mal die negativen Seiten der Insel. Und dann kommen Sie mit Ihrem vegetarischen Essen daher! Die Menschen hier haben doch ganz andere Sorgen."
Irgendwie sind wir aber trotzdem überzeugt, dass die vegetarische Ernährung die Sorgen lindern könnte. Das Wetter hier ist für einen erfolgreichen Landbau geradezu ideal: warm und trotzdem genügend Regen. Und auch die landschaftlichen Gegebenheiten sind optimal. Unter solchen Konditionen hätte in Europa jeder einen kleinen Gemüsegarten hinter seinem Haus. Hier konnten wir jedoch keinen einzigen entdecken. Es müsste dafür wohl erst das Bewusstsein geschaffen werden...
Erika fragt uns, ob wir bemerkt hätten, dass seit gestern Abend, 22 Uhr, der Strom ausgefallen sei - aber nicht aus irgend einem technischen Grund, sondern weil 40% der Dominikaner keinen Strom bezahlen. "Das ist eine Maßnahme, durch die die Menschen daran erinnert werden, dass sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Auch in den Nachrichten wird landesweit darauf hingewiesen. Der Staat hat mehr als 40 Mio. Pesos Schulden, weil die Leute ihre Stromrechnungen nicht bezahlen wollen."
"Sicherlich hat diese Insel ja auch einige gute Seiten", wagen wir ketzerisch einzuwerfen. Erika merkt, dass sie sich ein wenig ereifert hatte, und lacht: "Es ist eine Insel von außergewöhnlicher Naturschönheit: Es gibt hohe Berge, riesige, reißende Flüsse und faszinierende Wasserfälle; es gibt traumhafte Strände mit herrlich grün-blauem, klarem Wasser, das so warm ist, wie bei euch das Wasser in der Badewanne. Santo Domingo hat eine bezaubernde Altstadt - die sollten Sie sich noch anschauen. Man kann hier wunderbar leben, wenn man in seinem Kopf ein wenig europäisch bleibt und zugleich etwas lockerer wird. Diesbezüglich kann man die Dominikaner schon zum Vorbild nehmen - auch was ihre natürliche Freundlichkeit betrifft. Man kann wirklich etwas von ihnen lernen.
Wenn man in ihre Augen schaut, so schaut man in die Augen von Kindern, die im Augenblick leben und sich noch über kleine Dinge freuen können. Sie sind auch sehr sprachbegabt: Hier im Ort spricht fast jeder, der etwas mit Touristen zu tun hat, italienisch, französisch und englisch. Da tun wir als Europäer uns doch viel schwerer."
"Apropos Touristen: Wir haben ein sehr schönes Restaurant entdeckt: 'boca marina club'. Wer geht denn da essen? Wir haben keine Touristen gesehen", fragen wir. "In dieses Restaurant gehen nur die ganz Reichen", verrät uns Erika. "Es gibt hier eine Bevölkerungsschicht, die Geld ohne Ende hat. Man muss dazu auch sagen, dass etwa 2 Miollionen Dominikaner in den Staaten arbeiten und so ihre Familien hier bestens ernähren.
Übrigens gibt es auf dieser Insel auch viele junge Frauen, denen es nicht schlecht geht", bemerkt Erika augenzwinkernd. "Ich kenne z.B. eine junge Frau, die einen 'Freund' in der Schweiz, einen in Italien und noch einige weitere in anderen Ländern hat - alles 'Urlaubsbekanntschaften'. Wenn am Monatsende das Geld zu Ende geht, wird einer nach dem andern angerufen und ihm vorgejammert, dass z.B. die Mutter krank ist etc. Jeder meint natürlich, er sei der 'Einzige', und erhört das Flehen seiner Geliebten und schickt sofort Geld. Das Gute daran ist, dass hier alle zusammenhalten und die ganze Sippschaft etwas davon abbekommt." Erika lacht. Sie muss jetzt wieder arbeiten. Ein Österreicher möchte eine Jeep-Safari ins Hinterland buchen. Wir verabschieden und bedanken uns. Erika hat uns ein wenig hinter die "Kulissen" dieses Landes blicken lassen - wenn auch aus ihrer persönlichen Sicht. Wir wissen nun zwar immer noch nicht, wie viele Einwohner dieses Land hat und wie groß die Insel ist, aber dafür haben wir doch einiges erfahren, was bestimmt in keinem Reiseführer steht...