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Vegetarisch genießen

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Einleitung Rezepte
Artikel: Pionier für die Tiere Karibik The Making of ... Ernährung und Psyche Die Bombe ... Tischkultur Wenn man Fleisch isst, ...

Ernährung und Psyche

Dr. med. Arno Schneider

Leitender Arzt in der HG Naturklinik Michelrieth

"Die Speisen haben vermutlich einen sehr großen Einfluss auf den Zustand der Menschen wie er jetzt ist. Der Wein äußert seinen Einfluss mehr sichtbarlich, die Speisen tun es langsamer, aber vielleicht eben so gewiss. Wer weiß, ob wir nicht einer gut gekochten Suppe die Erfindung der Luftpumpe zu verdanken haben, und einer schlechten oft den Krieg. Es verdiente dies einer genaueren Untersuchung". Das sagte Georg Christoph Lichtenberg, der Ende des 18. Jahrhunderts als Professor für Physik, Astronomie und Mathematik tätig war.

Dr. med. Hans-Günter Kugler

Ärztegesellschaft zur Förderung der vegetarischen Ernährung e.V. www.fleisch-macht-krank.de

Gibt es diesen Zusammenhang von Ernährung und der Befindlichkeit, Kreativität oder gar unserem Verhalten tatsächlich? Wir fragten Dr. Hans-Günter Kugler, Arzt und Leiter des Diagnostischen Centrums für Mineralanalytik und Spektroskopie und Dr. Arno Schneider, leitender Arzt der HG Naturklinik Michelrieth.

Veg: Wo sitzt eigentlich die "Psyche", was genau versteht man darunter?

Dr. Kugler: Die Psyche, das sind die Emotionen, die Gefühle des Menschen. Sie finden gewissermaßen im Kopf statt. Denn man weiß heute, dass bei jeder psychischen Bewegung - sei es jetzt Ärger oder Freude - immer auch Hirnzellen beteiligt sind. Die Psyche hat also sehr viel mit dem Zustand unseres Gehirns zu tun.

Veg: Und wie funktioniert das Gehirn?

Dr. Kugler: Das Gehirn hat einige Stoffwechselbesonderheiten. Es verbraucht zum Beispiel 20% des Sauerstoffes, den der Mensch aufnimmt, macht aber nur 2% des Körpergewichts aus. Es hat also einen sehr hohen Sauerstoffbedarf. Der Sauerstoff, wie auch sämtliche Nährstoffe, die das Gehirn benötigt, kommen über die Blutbahn ins Gehirn.

Veg: Welche Nährstoffe sind für das Gehirn besonders wichtig?

Dr. Kugler: Zur Übertragung von Nervenimpulsen von einer Nervenzelle zur anderen benötigt man Botenstoffe, so genannte Neurotransmitter. Und die werden gebildet unter Zuhilfenahme der Vitamine B6, B12 oder der Folsäure. Deswegen ist es sehr wichtig, dass das Gehirn immer ausreichende Mengen dieser Vitamine zur Verfügung hat.

Veg: Was geschieht, wenn zu wenig Nährstoffe ins Gehirn transportiert werden?

Dr. Schneider: Die erwähnten Botenstoffe haben einen Einfluss auf die Stimmungslage. Man weiß z.B., dass Depressionen häufig mit einem Mangel der Botenstoffe Serotonin oder Dopamin in Verbindung stehen. Man kann nun diesen Mangel mit Psychopharmaka ausgleichen - oder, speziell bei leichter Depression - eben mit einer Nährstofftherapie bzw. der richtigen Ernährung.

Veg:
Wird zu diesem Thema geforscht?

Dr. Kugler: In Großbritannien hat man innerhalb eines großen Ernährungsprojekts festgestellt, dass Kinder, wenn sie sich gesund ernähren, auch in der Schule besser aufpassen. Kinder sind auch extrem empfindlich gegenüber Schadstoffen. Bei der Ernährung von Kindern und Jugendlichen sollte man also auch darauf achten, dass man unbedingt Nahrungsmittel aus qualitativ hochstehendem Anbau verwendet. Im Kindesalter ist übrigens Fisch besonders kritisch, da beim Fisch die Blei- und Quecksilberbelastung sehr groß ist. Auch nur kleinste Mengen Blei oder Quecksilber können das kindliche Gehirn sehr stark schädigen. Die Europäische Union empfiehlt daher auch, dass schwangere Frauen und Frauen im gebärfähigen Alter bestimmte Fischarten nicht essen sollten, weil eben kleinste Quecksilbermengen das Gehirn des Kindes schädigen können.

Veg: Welche Erfahrungswerte gibt es in der HG Naturklinik?

Dr. Schneider: Auch wir stellen immer wieder fest, dass Schwermetallbelastungen sehr schnell zu Konzentrationsstörungen und Reizbarkeit führt. Man ist unleidlich, man kann nachts nicht mehr schlafen. Auch diese ADS-Symptomatik bei Kindern, das "Zappelphilipp-Syndrom", ist häufig auch auf eine Quecksilberbelastung zurückzuführen. Das gilt auch bei älteren Menschen: Wir hatten z.B. einen Patienten aus dem Mittelmeerraum, der war 70 Jahre alt. Er hatte einen sehr ausgeprägten und sich schnell verschlechternden Parkinson mit einer entsprechenden Verminderung der Hirnleistungsfähigkeit und diesen typischen staksigen Bewegungsabläufen. Wir haben herausgefunden, dass die Quecksilberbelastung gerade im Gehirn extrem hoch war und es stellte sich heraus, dass der Patient zeit seines Lebens sehr viel Fisch gegessen hat. Durch eine spezielle Ernährungsumstellung und durch Quecksilberausleitung ging die Parkinsonsymptomatik auch deutlich zurück. Er konnte sich auch wieder besser konzentrieren. Fisch hat er von seinem Speiseplan ganz gestrichen.

Veg: In der HG Naturklinik Michelrieth, bieten Sie den Patienten ausschließlich vegetarisches Essen an. Wie reagieren die Patienten darauf?

Dr. Schneider: Im ersten Moment ist der eine oder andere etwas erstaunt. Doch die meisten erleben in unserer Klinik, dass man mit pflanzlichen Nahrungsmitteln viel, viel interessanter, wohlschmeckender und vielfältiger kochen kann. Und so kann man sagen, dass die allermeisten, die bisher nur Fleischküche gewohnt waren, sehr erstaunt sind, wie gut die vegetarische Küche ist, und es fällt ihnen dann auch nicht schwer, zu Hause entsprechend weiterzumachen.

Veg: Gibt es Nahrungsmittel, die speziell für die Psyche empfehlenwsert sind?

Dr. Kugler: Spinat zum Beispiel. Spinat ist eine hervorragende Quelle für Folsäure, die ja zur Bildung der Neurotransmitter benötigt wird. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass ein Mangel an Folsäure mit der Alzheimer Krankheit in Zusammenhang steht. Hilfreich ist auch das "Studentenfutter", das seinen Namen zu recht hat: Die Nüsse regen die Bildung wichtiger Botenstoffe an, die für das Gehirn wichtig sind. Erdnüsse enthalten z.B. viel Lezithin, das ist ein Stoff, der die Stimmungslage hebt und auch die Lernfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit verbessert. Auch Walnüsse sind sehr gut. Sie sind neben Leinöl auch eine sehr gute Quelle für Omega-3-Fettsäuren. Darüber hinaus enthalten sie viel Vitamin B6 und auch Antioxidantien, die das Gehirn vor dem "Ranzigwerden" schützen.

Veg: Wie muss man sich dieses "Ranzigwerden" vorstellen?

Dr. Kugler: Man kann sich das so vorstellen: Es gibt im Körper Moleküle, die so genannten "freien Radikale". Ihnen fehlt ein Elektron. Deswegen greifen sie andere Moleküle an und nehmen ihnen ein Elektron weg - mit dem Effekt, dass diese dann ein Elektron zu wenig haben und wiederum andere Substanzen angreifen. Wenn sich so eine Kettenreaktion im Fettgewebe abspielt - und das Gehirn besteht ja zu 60% Prozent (Trockengewicht) aus Fettgewebe - , kann das verheerende Folgen haben. Es gibt Hinweise darauf, dass viele Krankheiten des Gehirns, z.B. die Parkinsonsche Krankheit und Alzheimer Erkrankung, auf diese Kettenreaktion zurückzuführen sind. Und im Gemüse befinden sich eben Schutzsubstanzen, die dem entgegenwirken. Sie heißen Antioxidantien.

Veg:
Was kann man noch empfehlen, um die Psyche positiv zu beeinflussen?

Dr. Kugler: Es gibt den so genannten "Pepper High-Effekt": Wenn ich etwas Scharfes esse, werden im Gehirn so genannte Endorphine, also körpereigene Opiate, freigesetzt, was dazu führt, dass man sich nach einem scharfen Essen entspannt und relaxt fühlt. Deswegen ist das Scharfessen auch so beliebt, sollte aber nicht übertrieben werden.

Veg: Dann könnte man öfter mal mexikanisch essen, z.B. Bohnen mit Chili?

Dr. Kugler: Ja, denn auch Hülsenfrüchte sind sehr gut für's Gehirn. Sie enthalten Vitamin B6, B1 und B3, das Nyacin. Sie stabilisieren den Blutzuckerspiegel. Ist nämlich der Blutzuckerspiegel zu hoch, kann das Gehirn "verzuckert" werden, was die Funktionsfähigkeit der Nervenzellen stört.

Veg: Was gehört noch auf einen stimmungsaufhellenden Speiseplan?

Dr. Schneider: Wichtig sind Nahrungsmittel, die viel Tryptophan beinhalten, z.B. Sonnenblumenkerne, Cashewkerne oder auch Bananen. Tryptophan ist die Vorstufe zu Serotonin und Serotonin gilt als das Glückshormon par excellence.
Auch Sonnenblumenkerne sind gut: Sie enthalten viel Vitamin B1, was den Energiestoffwechsel der Hirnzellen steigert, also die Lernfähigkeit, die Wachheit, dass ich auf Zack bin, dass ich kapiere, was gesagt wird. Dann Magnesium. Magnesium wirkt ja entspannend, da ist man dann also relaxter. Und es schirmt etwas gegen Stress ab. Magnesium ist auch in Sonnenblumenkernen enthalten und in grünem Blattgemüse. Auch Vitamin B6 spielt eine Rolle, es ist das wichtigste Vitamin für die Neurotransmitter. Walnüsse, Erdnüsse, Avocados und Bohnen enthalten B6. Speziell für ältere Menschen ist auch die Folsäure ganz wichtig. Ältere Menschen neigen oft zu Depressionen und haben auch mit nachlassendem Gedächtnis zu kämpfen. Also Folsäure hebt die Stimmung und stärkt das Gedächtnis. Sie ist in Rosenkohl, Wirsing, Brokkoli, Blattspinat enthalten.
Vor allen Dingen gilt: viel Obst und Gemüse essen! Sie enthalten viele Antioxidantien und unser Gehirn soll ja nicht ranzig werden. Auch Omega-3-Fettsäuren sind hilfreich gegen schlechte Stimmung, z.B. in Leinöl oder in Walnüssen.

Veg: Gibt es Erfahrungen aus der Klinik, die zeigen, dass man mit einer gezielten Ernährung die Psyche positiv beeinflussen kann?

Dr. Schneider: Auf jeden Fall. Wir hatten beispielsweise einmal ein Kind, das war, wie man so schön sagt, ein Rabauke und unausstehlich. Es war zappelig, unkonzentriert, frech, unruhig. Seine Ernährung bestand hauptsächlich aus Fleisch, Milchprodukten, Süßigkeiten und Nudeln. Gemüse oder Salate aß er so gut wie gar nie. Gleichzeitig war eine Nahrungsmittelunverträglichkeit vorhanden. Bei dem Jungen war aufgrund dieser Unruhezustände und der sich daraus ergebenden schlechten schulischen Leistungen die Versetzung gefährdet. Zusammen mit der Eltern haben wir die Ernährung des Jungen langsam umgestellt. Wir haben vegetarische Gerichte so lecker und vielfältig zubereitet, dass es ihm richtig gut geschmeckt hat. Er aß weniger Zucker und Süßigkeiten und zeitweise sogar tierisch-eiweißfrei. Und es war ganz frappierend: Nach ganz kurzer Zeit, noch innerhalb des Schuljahres, ging es dem Jungen besser. Den Aufstieg in die nächste Klasse hat er problemlos geschafft, was ihm natürlich auch Selbstbewusstsein gegeben hat. Das ist ganz wichtig, denn es ist oft ein Teufelskreis: Die schlechte Ernährung führt dazu, dass man nicht mehr so gut denken, nicht mehr so konzentriert ist. Man fühlt sich depressiver, man fühlt sich ausgeschlossen und kompensiert das dann wieder mit Süßigkeiten oder »Junk Food«. Und dadurch wird alles nur noch schlimmer.

Veg: Gibt es weitere Erfahrungen?

Dr. Schneider: Viele Patienten leiden unter Schlafstörungen. Was sich bewährt hat: Ein Esslöffel voll Sonnenblumenkernen vor dem Schlafengehen kann da Wunder wirken…

Veg:
Vielen Dank für das Gespräch