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Jagd ist Steinzeit, und die Steinzeit ist vorbei

Kurt Eicher

ist Sprecher der Initiative zur »Abschaffung der Jagd«. Er studierte von 1976 bis 1982 in Tübingen Biologie und arbeitet jetzt als Studiendirektor an einem Gymnasium in Heilbronn. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine ganze Familie ernährt sich aus Überzeugung vegetarisch. www.abschaffung-der-jagd.de

Jeden ersten Samstag im Monat geht es laut und bunt zu und her auf dem Kurfürstendamm in Berlin. Sargträger tragen symbolisch die 5 Millionen durch Jägerhand getöteten Tiere zu Grabe. Medienwirksam werden als Tiere verkleidete Demonstranten von „Jägern“ erschossen und ein „Priester“ segnet anschließend die Strecke - wie im wirklichen Leben. Das ist die Stunde von Kurt Eicher, dem Sprecher der Initiative zur »Abschaffung der Jagd«.

Veg: Herr Eicher, Sie wollen die Jagd abschaffen?

Kurt Eicher: Die Abschaffung der Jagd muss zentrales politisches Thema werden. Wir müssen einfach erkennen, dass eine Minderheit von 0,4 % in unseren Wäldern haust wie die Vandalen. Sie erschießen unsere wilden Tiere. Die letzte Restnatur wird von völlig unkompetenten Menschen einfach zurechtgeschossen nach irgendwelchen Plänen, die sie selbst entworfen haben. Es muss Schluss sein damit. Wir müssen es fertig bringen, diese Natur, diese Tiere, zu schützen vor einem solchen gewalttätigen Zugriff.

Veg: Warum wollen Sie die Jagd abschaffen?

Kurt Eicher: Jedes Jahr sterben in unseren Wäldern 5 Millionen Tiere. Hinter dieser Zahl verbirgt sich riesiges Leid. 5 Millionen Tiere werden erschossen, sie kommen in Fallen ums Leben oder werden zum Teil auch mit Prügeln erschlagen. Wenn wir uns vorstellen, dass z.B. nur ca. 60% der Tiere, die geschossen werden, tatsächlich tot sind, die andern sich tage- oder wochenlang unter riesigen Qualen durch die Felder und Fluren schleppen und zum Teil bei der Nachsuche nicht oder sehr spät gefunden werden, dann wird nur ein Teil dieses wirklichen Leidens sichtbar. Das können wir einfach nicht mehr zulassen! Wir sind doch Menschen mit moralischen und ethischen Vorstellungen. Das Ganze muss einmal ein Ende haben.

Veg: Was sollen Ihrer Meinung nach die Politiker tun?

Kurt Eicher: Wir fordern doch nichts Neues, außer dass z.B. die Grünen ihre parteiinternen Ziele, die sie schon vor Jahren in einem Positionspapier zur Abschaffung der Jagd beschlossen haben, endlich umsetzen. Sie brauchen sich also nicht zu verbiegen, sondern lediglich ihre eigenen Beschlüssse umsetzen.

Veg: Gibt es nach der Abschaffung der Jagd nicht eine Überpopulation der Tiere?

Kurt Eicher: Die kleinen Beutegreifer wie Marder, Wiesel, Fuchs reichen z.B. in den Nationalparks in Irland aus, um ein Gleichgewicht zu stabilsieren. Die größeren Tiere besitzen eigene Strategien, um eine Überpopulation zu verhindern. Dass dies so ist, beweisen auch große Nationalparks in Italien und in der Schweiz, die z.T. seit über 80 Jahren und länger keine Jagd mehr zulassen.

Veg: Ist die Initiative als Verein organisiert?

Kurt Eicher: Die Initiative zur Abschaffung der Jagd ist ganz bewusst kein Verein. Sie will nicht in Konkurrenz zu den zahlreichen Naturschutz-, Tierschutz- und Tierrechtsvereinen treten, sondern integrativ tätig sein. Man kann sich die Initiative als ein Netzwerk von Organisationen und Einzelpersonen vorstellen, das die Kräfte all derjenigen bündelt, die für die wildlebenden Tiere in unseren Wäldern und Feldern eintreten wollen.

Karlheinz Deschner

(Mehrfach preisgekrönter Autor und Kirchenkritiker) »Ja. Ich war in meiner Jugend Jäger. Ich habe Hunderte von Tieren um ihr Leben gebracht, manche angeschossen, so dass sie langsam verfault, erhungert, lebend vom Fuchs zerissen worden sind. Über die Jagd wird wohl noch mehr gelogen als über den Krieg. Sie ist selbst einer. Ein höchst ungleicher freilich, ein Krieg gegen völlig wehrlose Wesen, wobei die Jäger nichts riskieren als allenfalls ein bisschen Schnupfen oder einen Sturz von ihrem Aussichtsturm. Nichts, was mich so beschämt an meinem Leben, nichts! Noch nach Jahrzehnten, nach einem halben Jahrhundert, oft Tag für Tag ...«

Veg: Was sind die Aktivitäten der Initiative?

Kurt Eicher: Wir sind auf vielen Ebenen tätig. Die spektakulärste Aktivität ist wohl die Anti-Jagd-Demo in Berlin. An jedem ersten Samstag im Monat findet die große bundesweite Anti-Jagd-Demo in Berlin statt. Treffpunkt ist um 12 Uhr entweder am Adenauerplatz oder am Berliner Dom. Der Protestmarsch führt über den Kurfürstendamm oder „Unter den Linden“ entlang. Die Abschlusskundgebung findet von etwa 13-14 Uhr statt, je nach Route vor der Gedächniskirche oder vor dem Brandenburgertor (siehe www.abschaffung-der-jagd.de). Wir möchten alle an dieser Stelle herzlich einladen: Macht mit, wir brauchen euch alle! Es gibt übrigens für jeden Teilnehmer kostenlos eine superleckere vegane Suppe. Es ist wichtig, dass die Bevölkerung ihren Willen kund tut, denn es wird höchste Zeit, dass die Gesetzgebung auch hierzulande endlich dem aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand einerseits und dem Willen der Bevölkerungsmehrheit anderseits angepasst wird. Zwei Drittel der Deutschen sprechen sich in Umfragen gegen die Jagd aus.

Veg: Steht die Initiative mit anderen Tierschutzorganisationen in Kontakt?

Kurt Eicher: Ja, natürlich, wir stehen mit vielen in Kontakt, denen wir auch unsere Aktivitäten mitteilen und die sich an der Demo beteiligen, sowohl in Deutschland wie auch im Ausland. Die Initiative zur Abschaffung der Jagd ist, wie gesagt, ein freier Zusammenschluss von Jagdgegnern, ob in einer Organisation oder als Einzelpersonen. Jeder, der das gleiche Ziel verfolgt, ist herzlich eingeladen mitzumachen. Auch unsere Auslandskontakte sind wichtig für den Informationsaustausch und die internationale Vernetzung der Jagdgegner.

Veg: Wie sind die Reaktionen der Öffentlichkeit auf eure Aktivitäten?

Kurt Eicher: Zeitungen bitten uns um Stellungnahmen. Fernsehstationen haben auch schon Interviews gemacht oder unsere Informationen für Sendungen verwendet. Presseagenturen haben unsere Pressemeldungen verbreitet und selber aufgrund unserer Internetseiten recherchiert. So konnte man inzwischen unsere Anti-Jagd-Recherchen im SPIEGEL, und in STERN online genauso wie im BLICK, der größten Boulevardzeitung der Schweiz, nachlesen.
Bei Informationsständen ist die Resonanz in der Bevölkerung erstaunlich und scheint sich zu polarisieren: Auf der einen Seite gibt es sehr viele Leute, die ganz klar für die Abschaffung der Jagd eintreten und uns ermuntern, weiterzumachen, darunter viele Vegetarier und/oder Menschen, die selbst erschreckende Erfahrungen mit Jägern und dem Töten von Tieren gemacht haben: „Die Jäger schießen aus lauter Lust auf alles, was sich bewegt!“ Auf der anderen Seite melden sich natürlich die Jäger zu Wort, wobei die meisten gar kein Geheimnis daraus machen, dass sie beim Töten von Tieren Freude empfinden. Manche reagieren sogar erschreckend aggressiv: „Damit dürftest du nicht auf unsere Jagdhütte kommen, das wäre lebensgefährlich für dich!“

Veg: Es gibt also auch schon Reaktionen aus der Jagdszene?

Kurt Eicher: Ich bekomme ganz üble Faxe, miese Beschimpfungen per e-mail und Drohanrufe. Dies ist eigentlich ein gutes Zeichen, denn wenn sie uns nicht ernst nehmen würden, würden sie nicht reagieren.

Veg: Wie sind die Resonanzen von Behörden und Politik?

Kurt Eicher: Wir wurden zu einigen Gesprächsrunden eingeladen. Die abschließende Sitzung hat im Juli 2004 stattgefunden unter der Federführung eines Mitgliedes des Bundestages, Frau Undine Kurt. Alle maßgeblichen Verbände von NABU über das Vogelschutzkommitee bis zum Deutschen Tierschutzbund, und natürlich auch wir, wurden eingeladen. Heraus kam, dass das, was im Referentenentwurf vom März 2004 vorgeschlagen wurde, ins neue Novellierungsgesetz einfließen muss. Es wird zwar zu einer Kürzung der jagdbaren Arten kommen, aber für unserer Zielsetzung „Abschaffung der Jagd“ genügt dies nicht. Für uns dürfen überhaupt keine Arten mehr auf einer Abschussliste stehen. Aber es ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.
Die Jäger und entsprechende Interessenvertreter haben sich mit Händen und Füßen gegen ganz „banale“ Dinge gewehrt, wie z.B. das Verbot von Bleimunition oder das Verbot der Fallenjagd, im Prinzip eine archaische Geschichte. Alles, was wie eine Einschränkung aussieht, löste sofort Protest aus. Man kann aber sagen, die unabhängigen Politiker erkennen durchaus das Problem. Aber die jagenden Politiker betreiben hinter den Kulissen mächtig Lobbyarbeit. Das beste wäre, man würde Politiker, die jagen, einfach nicht mehr wählen...

Veg: Derzeit ist, wie gesagt, die Novellierung des Bundesjagdgesetzes im Gespräch. Gibt es da wenigstens Ansätze, die ihren Zielen entsprechen?

Kurt Eicher: Die Initiative zur Abschaffung der Jagd lehnt, wie der Name schon sagt, die Jagd aus ethischen und ökologischen Gründen grundsätzlich ab und strebt das Ziel eines generellen Jagdverbots an - über effektive Öffentlichkeitsarbeit einerseits sowie politische Einflussnahme andererseits. Natürlich wäre es bereits ein Riesenerfolg, wenn z.B. die Waldeigentümer entscheiden könnten, ob auf ihrem Gebiet gejagt wird oder nicht – in Frankreich und Luxemburg ist das bereits geltendes Recht. Somit könnte die Öffentlichkeit auf jeden einzelnen Waldbesitzer moralischen Druck ausüben und ihn als Tiertöter anprangern. Damit wäre im Prinzip kein gesetzliches Jagdverbot da, aber die Jagd könnte aus Imagegründen nicht mehr durchgeführt werden. Jäger, die dann immer noch lebende Tiere jagen, würden als schwarze Schafe abgestempelt werden. Gleichzeitig würde in den unbejagten Gebieten der Beweis angetreten werden, dass es ohne Jagd in unseren Wäldern funktioniert: Das natürliche Gleichgewicht würde sich einstellen, und normale Populationsschwankungen wären möglich. Die Natur erholt sich, und die bedrohten Arten haben wieder einen Lebensraum.

Veg: Warum tun sich gerade deutsche Politiker so schwer, gegen das Hobby „Jagd“ vorzugehen?

Kurt Eicher: Viele Politiker sind Jäger, ebenso wie ihre Freunde unter den Wirtschaftsbossen und Bankern. Die Jagdlobby ist noch immer mächtig. Der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuß, musste aus Repräsentationsgründen an Gesellschaftsjagden von Poltikern teilnehmen, obwohl er in seinem ganzen Leben nie ein Gewehr in die Hand nahm. Treffend formulierte er: „Jagd ist nur eine feige Umschreibung für besonders feigen Mord am chancenlosen Mitgeschöpf. Die Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit.“ Und bei einer Diplomatenjagd sagte er die bekannten Worte: „Ich hoffe mit den Hasen.“

Veg: Zum Abschluss sagen Sie uns doch bitte in einem Satz, warum die Jagd besser heute als morgen abgeschafft werden muss.

Kurt Eicher: Die Steinzeit ist vorbei! Unser Gehirn ist größer und effizienter geworden, unsere ethischen und moralischen Grundsätze haben sich weiterentwickelt. Tieren steht wie uns Menschen ein Recht auf Leben zu, ohne Verfolgung durch eine bewaffnete Minderheit. Die Natur wurde lange genug zurecht geschossen, jetzt sollten wir den übriggebliebenen Spezies die Chance geben, sich selbst zu regulieren.

Veg: Vielen Dank für das Gespräch.

Kurt Eicher

(Biologe und Studiendirektor; Sprecher der Initiative zur Abschaffung der Jagd) »Wir müssen es fertig bringen, die Tiere vor einem gewalttätigen Zugriff der Jäger zu schützen. Wir müssen endlich diese grausame Tradtiton des Hetzens und Jagens der Tiere durchbrechen und beginnen lernen, sie endlich als edle Geschöpfe Gottes zu achten.«