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Altersheim für Kühe

Reinhold Zepf

Präsident des Tierschutzvereins Bischofszell-Weinfelden hat das Projekt “Viva la Vacca” ins Leben gerufen.

Eine tierliebende Schulklasse und ihr Lehrer brachten eine Idee ins Rollen, der nun schon mehr als ein Dutzend Kühe ihr Leben verdanken: das erste Kuh-Altersheim in der Schweiz.

Veg: Herr Zepf, können Sie unseren Lesern kurz schildern, wie das Kuh-Altersheim “Viva La Vacca” (Es lebe die Kuh) gegründet wurde?

Reinhold Zepf: Also, da gab es eine Schulklasse, die war in den Ferien auf einem biologischen Bauernhof in der Nähe von Schaffhausen. Und offenbar immer dann, wenn die Schüler sich zu einem Austausch trafen oder sonst auf der Weide waren, kam die Kuh “Kassja” dazu, gesellte sich ganz selbstverständlich zur Gruppe und tat so, als ob sie mithöre und am liebsten grad mitreden wolle. (Das erleben wir übrigens auch heute noch, wenn wir zu ihr auf die Weide gehen.) Der Bauer hat die Kuh oft auf Feste mitgenommen, und so war sie gewohnt, mit Menschen zusammenzusein. Die Schüler waren verblüfft und hatten das wohl noch nie erlebt. So bekamen sie eine ganz besondere Beziehung zu “Kassja”. Umso tiefer hat sie der Schrecken getroffen, als ihnen der Bauer gestand, dass die neunjährige “Kassja” in den nächsten Tagen zum Schlachter müsse. Sie habe oft Frühgeburten gehabt und deshalb sei sie für ihn unrentabel geworden.

Veg: Ich habe gehört, die Schüler hätten dann in der Schule einen richtigen Aufstand gemacht und seien dem Lehrer so lange in den Ohren gelegen, bis er nicht mehr anders konnte und die Kuh mit seinem Geld freikaufte.

Reinhold Zepf: Die Klasse hatte Mitleid mit der Kuh. Aber das meiste Mitleid hatte wohl der Lehrer, denn er hat tatsächlich dem Bauern die Kuh abgekauft. Da der Bauer wohl merkte, dass der Klasse und dem Lehrer viel an der Kuh lag, verlangte er prompt das Dreifache dessen, was er vom Metzger bekommen hätte. Nun hatte der Lehrer eine Kuh und wusste nicht, wohin damit. Der Bauer war einverstanden, die Kuh gegen entsprechendes Kostgeld bei sich zu behalten.

Veg: Damit wäre ja alles geregelt, wie kam dann das Kuh-Altersheim zustande?

Reinhold Zepf: Nach etwa drei Monaten rief der Bauer den Lehrer an und teilte ihm mit, er brauche jetzt den Platz im Stall und die Kuh müsse weg. Jetzt wusste der Lehrer nicht mehr weiter und rief verschiedene Tierschutzvereine an. Er wurde dann schlussendlich an mich verwiesen. Ich habe mich mit ihm getroffen, und er verwies darauf, dass es doch Gnadenhöfe für Pferde gebe - warum nicht auch für Kühe? Wir haben das dann im Vorstand besprochen und beschlossen, die “Kassja” zu nehmen und gleich ein Projekt zu starten. Der Lehrer taufte die Initiative “Viva la Vacca” (Es lebe die Kuh). Er hat auch versprochen, für “Kassja” lebenslang den Unterhalt zu bezahlen. Leider ist er dann schon drei Monate später in eine Gletscherspalte gefallen und tödlich verunglückt. Bereits drei Tage nach seinem Tod kam ein Brief von seiner Frau, in dem sie die Unterhaltskosten für die Kuh aufkündigte. Wir standen aber trotzdem zu unserem Projekt, auch wenn es uns viel Ärger einbrachte.

Veg: Wieso Ärger?

Reinhold Zepf: Die Kuh ist doch eigentlich soviel wie ein Wahrzeichen für die Schweiz, eigentlich ein Kulturgut, und man könnte meinen, wenn es in der Schweiz für Pferde Gnadenhöfe gibt, dann doch erst recht für Kühe. Aber dem ist nicht so. Ein Bauer, dem dieses Projekt nicht passte, schrieb einen Leserbrief und bezeichnete das Kuh-Altersheim als menschenverachtend. Seiner Meinung nach sollte man das dafür benötigte Geld besser an kirchliche Organisationen geben, damit es für die notleidende Menschheit eingesetzt werde. Die größte Tageszeitung der Region hat den Brief auch prompt veröffentlicht und eine große Diskussion angeheizt. Als Präsident des Tierschutzvereins Weinfelden forderte ich vom Leserbriefschreiber eine Entschuldigung. Als dieser nicht wollte, reichte ich Klage wegen Persönlichkeitsverletzung ein. Jetzt ging es erst richtig los. Der “Beobachter”, eine große kritische Verbraucherzeitung, fiel über mich her. Auch das Fernsehen setzte zur besten Sendezeit noch eins drauf und wertete mein Verhalten als Versuch, jegliche Kritik am Kuh-Altersheim zu unterbinden.

Veg: Wie ist die Sache ausgegangen?

Reinhold Zepf: Wir haben uns vor Gericht geeinigt. Der Bauer hat sich nun doch für den Begriff “menschenverachtend” entschuldigt und 500 Franken Genugtuung zu Gunsten einer Stiftung bezahlt. Dies erzähle ich Ihnen, damit Sie sehen, mit welchen Schwierigkeiten man in der Schweiz zu kämpfen hat, wenn man für ältere Kühe, die ein Leben lang dem Menschen gedient haben und wohl auch oft von ihnen ausgenutzt wurden, einen verdienten Lebensabend schaffen will.

Veg: Doch das Kuh-Altersheim ist nun doch trotz allen Rummels zustande gekommen. Wie viele Kühe haben bereits das Glück, gerettet worden zu sein?

Reinhold Zepf: Bis jetzt haben wir zwölf Kühe in unseren Kuh-Altersheimen. Morgen eröffnen wir das 4. Altersheim. Als erste Kuh zieht eine 9-jährige „Simmentalerin“ ein.

Veg: Darf ich Sie offen fragen, ob Sie noch Kuhfleisch essen?

Reinhold Zepf: Meine Partnerin isst überhaupt kein Fleisch mehr, und auch ich esse zu Hause kein Fleisch. Wenn ich eingeladen bin und es gibt Fleisch, dann mache ich keinen Aufstand, ich bin da nicht fanatisch. Bei uns ist es ja leider noch so, dass die Vegetarier oft noch als Exoten hingestellt werden. Aber Gott sei Dank ändern sich langsam die Zeiten. Ein Beispiel: Unser Verein hat kürzlich Anteile eines Gasthauses gekauft, mit der Bedingung, dass im Restaurant immer 50% vegetarische Gerichte angeboten werden müssen. Der Wirt ging darauf ein und hält seine Zusage.

Veg: Eine wirklich gute Idee. Was sind eigentlich die Gründe, warum die Kühe ins Kuh-Altersheim gebracht werden?

Reinhold Zepf: Jede Kuh hat ihre Geschichte, da könnte ich viel erzählen. Einmal sagte eine Tochter zu ihrem Vater: “Wenn du unsere ‘Heidelbeere’ zum Schlachter bringst, dann gehe ich.” Das hat gewirkt. ‘Heidelbeere’ ist in Sicherheit, sie ist jetzt bei uns. Ein anderes Mal war es eine Nachbarin eines Bauern, die es nicht mit ansehen konnte, wie ihre geliebte “Urmina” vom Schlachter abgeholt werden sollte. Die Kuh kam zu uns.

Veg: Hat die Nachbarin die Kuh freigekauft?

Reinhold Zepf: Die Nachbarin hat 3/4 bezahlt und 1/4 zahlte die Tochter des Bauern, die selbst noch in der Ausbildung ist, ihrem Vater, damit er “Urmina” nicht schlachten ließ...
Oft bringen die Bauern ihre Lieblingskuh selber und natürlich kostenlos. Sonst ist es unglaubwürdig, dass er die Kuh liebt. “Idana” z.B. ist so eine Kuh. Sie hat sechsmal Zwillinge gehabt, über 100 000 Liter Milch gegeben und war nie krank. Der Bauer hat es nicht übers Herz gebracht, die Kuh zu schlachten. Heute ist sie die Freundin von “Kassia”. Sie sind immer zusammen.

Veg: Warum machen Sie dieses Projekt?

Reinhold Zepf: Eigentlich ist es für die Landwirte gedacht, die aus irgendeinem Grund eine über die “normale Tierbeziehung” hinausgehende Beziehung zu einer Kuh haben und diese deshalb nicht schlachten lassen wollen. Diese können ihre Kuh zu uns bringen. Das passiert immer öfter. Wir bekommen die Kuh geschenkt und suchen Paten für sie, die dann für den Unterhalt aufkommen. Eigentlich müsste ja der Bauer dafür aufkommen, der viele Jahre den Profit von der Kuh hatte. Aber das getraue ich mich jeweils gar nicht erst zu fragen, denn wenn es etwas kostet, überlegt er sich’s vielleicht doch wieder und ich höre dann nichts mehr von ihm...
Aber das Kuh-Altersheim hat natürlich noch einen anderen Effekt. Es ist doch so: Wenn sich irgendwo eine Tiermast befindet, kümmert das keinen Menschen. Man sieht nichts von außen, man riecht und hört vielleicht auch nichts. Man weiß nicht, ob hundert oder tausend Tiere in diesem Gebäude ein unwürdiges Leben fristen. Wenn aber einmal eine Kuh abhaut, vom Hänger springt und Schlagzeilen macht oder eine Zeitung über unser Kuh-Altersheim berichtet, dann fangen viele Menschen an nachzudenken. Und das ist meine Hoffnung. Dass immer mehr Menschen Achtung vor den Tieren haben und einsehen, dass es Mitgeschöpfe sind, ähnlich wie Sie und ich - und keine Sachen, mit denen man machen kann, was man will...

Veg: Vielen Dank für das Gespräch.

Inos & Spenden
Reinhold Zepf
Thurgauischer Tierschutzverband -
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Telefon: CH (0)79 233 91 22
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Reinhold Zepf

Präsident des Tierschutzvereins Bischofszell-Weinfelden (Initiator von "Viva la Vacca"): »Und das ist meine Hoffnung: dass immer mehr Menschen Achtung vor den Tieren haben und einsehen, dass es Mitgeschöpfe sind, ähnlich wie Sie und ich - und keine Sachen, mit denen man machen kann, was man will.«